Zum Hauptinhalt springen
  1. Artikel/

Berichte aus der digitalen Kulisse

Von Fortschrittsbalken, Mandelhörnchen und anderen Illusionen #

Ein erster Bericht aus der digitalen Gegenwart #

Eigentlich – und das ist der Teil der Geschichte, den man im Nachhinein immer wieder betont, um sich selbst zu beruhigen – wollte ich an diesem Tag nichts weiter, als eine ganz gewöhnliche, zivile Handlung vollziehen, etwas, das in einem funktionierenden Gemeinwesen weder Mut noch Vorbereitung erfordert, geschweige denn eine Tasse starken Kaffee oder die gedankliche Bereitschaft, sich auf einen mehrstündigen Erkenntnisprozess einzulassen: Ich wollte eine Anzeige erstatten. Online. Digital. Fortschrittlich.

Denn man will ja mit der Zeit gehen, man will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, ein gestriger Mensch zu sein, einer von denen, die Formulare ausdrucken, handschriftlich ausfüllen und dann in Amtsstuben mit linoleumbedeckten Böden und dem Geruch von Aktenstaub verschwinden. Nein, ich wollte es richtig machen. Modern. Effizient. So, wie es uns seit Jahren versprochen wird.

Also setzte ich mich an den Schreibtisch, ordnete innerlich die Gedanken, atmete einmal tief durch – eine alte Berufskrankheit aus der Embedded- und Safety-Welt, wo man gelernt hat, dass jedes unklare Denken früher oder später in Rauch, Hitze oder zumindest in einem sehr unangenehmen Gespräch endet – und begann, Feld für Feld, gewissenhaft und mit der leisen Zufriedenheit des Menschen, der weiß, dass Sorgfalt am Ende belohnt wird.

Das Formular war lang, aber nicht unfreundlich. Viele Eingabefelder, ja, aber logisch gegliedert, sauber beschriftet, fast so, als hätte sich jemand wirklich Gedanken gemacht. Ich füllte alles aus, gewissenhaft, ohne Abkürzungen, ohne kreative Interpretationen. Namen, Daten, Sachverhalte, Zeitpunkte – alles an seinem Platz. Ich war guter Dinge.

Dann kam dieser kleine Moment digitaler Erhabenheit: die Ausweis-App. Verschlüsselung. Zertifikate. Sicherheit. Ich nickte unwillkürlich, ein reflexartiges Nicken, wie man es zeigt, wenn ein System wenigstens versucht, ernst genommen zu werden. Sehr schön, dachte ich, so muss das.

Der Fortschrittsbalken erschien.

Er begann zu wachsen, ruhig, zielstrebig, in diesen beruhigenden Etappen, die einem suggerieren, dass hier Prozesse ablaufen, die man nicht versteht, aber denen man vertrauen darf. Fünf Prozent. Zwölf. Siebenundzwanzig. Sechsundvierzig.

Sechsundvierzig Prozent.

Dort blieb er stehen.

Ich wartete. Nicht dieses nervöse, ungeduldige Warten, sondern echtes, wohlwollendes Warten, wie man es Systemen entgegenbringt, die man respektiert. Ich dachte an Netzwerk-Latenzen, an Lastspitzen, an all die Dinge, die man als Entwickler kennt und akzeptiert. Ich wartete weiter.

Dann, ohne Drama, ohne Vorwarnung, ohne jedes Anzeichen innerer Reue: Serverfehler. Vorgang abgebrochen.

Ich starrte auf den Bildschirm, als hätte er mir gerade mitgeteilt, dass die Schwerkraft ab sofort nur noch optional sei.

Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Nicht hier. Nicht so.

Das war E-Government. Das war digitaler Staat. Das war das Ergebnis unzähliger Workshops, Ausschreibungen, PowerPoint-Präsentationen und Budgetfreigaben. Milliarden vielleicht. Mindestens Millionen. Und jetzt das?

Ich beschloss, mir einen Kaffee zu holen. Nicht aus Genuss, sondern aus Selbstschutz. Widerlich! Der Automat sollte mal wieder gründlich gereinigt werden. Trotz Reinigungsprogramm - naja, Koffein ist ja genug drin. Da kommt man für den Moment dann mit klar. Dann weiter.

Eine Stunde meines Lebens war bereits in diesem Formular verschwunden, und ich war noch nicht einmal über die magischen sechsundvierzig Prozent hinausgekommen.

Zurück am Rechner begann ich von vorne. Alles. Wirklich alles. Die gleichen Felder, die gleichen Daten, die gleiche Sorgfalt. Vielleicht war es ja ein einmaliger Schluckauf, redete ich mir gut zu. Systeme haben das manchmal. Menschen übrigens auch.

Ich klickte auf Senden.

Der Balken erschien wieder. Fünf. Zwölf. Siebenundzwanzig. Sechsundvierzig.

Stillstand. Abbruch.

An diesem Punkt wusste ich: Jetzt brauche ich nicht nur einen richtigen, ausgewachsenen und männlichen Kaffee, jetzt brauche ich Zucker! Sofort! Ich dachte an die letzte Gaming-Tastatur, die unter einem Fausthieb starb. Nein, besonn ich mich, diese ist noch zu jung, sie soll noch leben und wirken dürfen. Die Jacke übergeworfen und schnell zum Backshop.

Kein Bargeld dabei, natürlich nicht. Ich lebe ja im digitalen Zeitalter, in dem das Smartphone das Portemonnaie ersetzt, zumindest in den Hochglanzbroschüren und auf Konferenzen. Also betrat ich den Großbäcker meines Vertrauens, bestellte einen Kaffee und – warum nicht – ein Mandelhörnchen. Man muss in Krisenzeiten Prioritäten setzen.

„Zahlen mit der App, bitte“, murmelte ich, leicht abgelenkt, mit dem Becher in der einen und dem Telefon in der anderen Hand, das Mandelhörnchen war schon halb meinem Groll zum Opfer gefallen und fing gerade an, meine Synapsen zurück in einen sicheren Zustand zu versetzen. Mann, tat das gut!

Die App war offen. Der Kartenleser bereit. Ich hielt das Smartphone darüber.

Plopp.

Absturz.

„Probieren Sie es bitte nochmal“, sagte die freundliche Angestellte, noch ganz im Modus der routinierten Gelassenheit.

Nochmal.

Plopp.

„Das geht gerade nicht“, sagte ein weiterer Kunde unweit neben mir, während er lässig fünf Euro auf den Tresen patschte und der lächelnden Verkäuferin kurz zuzwinkerte. „Das letzte Update hat die App gekillt, glaube ich.“ Er lächelte mild, wissend, und ging.

Ich stand da. Mit angeschlürftem Kaffee und angebissenem Hörnchen. Ohne Anzeige. Ohne Bargeld.

„Und wie wollen Sie jetzt zahlen?“ fragte die Angestellte, inzwischen leicht angespannt.

„Mit ihrer tollen App!“ zischte ich leicht gereizt. „Vielleicht sollten Sie ihren Web-App-Futzis mal besseren Kaffee kochen!“ kam es aus mir raus. Dann eine Entschuldigung. Sie war die letzte, die etwas dazu konnte.

Trotzdem, der Gedanke blieb: Was ist eigentlich falsch mit diesen App- und Web-Entwicklern? Warum ist es wichtig, daß der Button eine super Form und Farbe hat, aber die Funktion dahinter hakt? Sie haben kaum Race-Conditions, keine Echtzeitprobleme, das Backend ist meist von sehr robuster Natur und doch scheint es eine fast unlösbare Herausforderung zu sein, ein beknacktes Frontend zu schreiben, was Daten und Informationen durchreicht, bestenfalls vorkaut! „Ja, wie die nette Dame mit den knackigen Möpsen bei Raumschiff Enterprise die Angaben des Captains an den Computer weitergibt und umgekehrt - nicht wirklich schwer, oder? Wie war gleich ihr Name…?“ schoss es mir kurz durch den Kopf.

Egal. Das Drama ist hier und jetzt. Die Zeche ist zu zahlen und ich sehe mich schon Teller waschen.

In diesem Moment, irgendwo zwischen leerem Tresen und flackerndem Display, begriff ich, dass wir uns in einer Welt bewegen, die aussieht wie Fortschritt, sich aber anfühlt wie ein Provisorium. Überall Balken, Animationen, Versprechen – und darunter Systeme, die niemand zu Ende gedacht hat. War das nicht auch der Grund, warum ich vor kurzem meine Buchhaltung umgestellt habe von einem Klicki-Bunti-Buchhaltung-ganz-nebenbei-Marketingversprechen, was mir ein halbes Jahr meiner gebuchten Umsätze gekillt hat, zu einer Selbstbau-Lösung, die in meinem geliebten schwarz-grünen Terminal rein auf getesteten Skripten läuft und besser denn je meinen Prozess abbildet? Ja, ok, das Finanzamt hatte ich um Geduld bitten müssen, aber nun läuft es. Das ist doch, was ich will! Nicht dieses Form-over-Function-Gedöns. Aber irgendwie war es doch sehr bezeichnend - für so vieles da draussen. Der große Schein, das kleine Sein.

Pontemkinsche Dörfer, liebevoll mit CSS dekoriert. Klicki-Bunti als Ersatz für Verlässlichkeit.

Und irgendwo darin ein Safety-Entwickler, der sich fragt, wie etwas so modern, so teuer und so unfertig zugleich sein kann.

Deutschland, ein Formular #

Vom Online-Rathaus zum Agile-Rathaus - oder: Warum der Aktenschrank noch nicht verloren hat #

Es beginnt stets mit einem Entschluss. Nicht mit Technik, nicht mit Verwaltung, sondern mit einem inneren Ruck.

Jetzt gehe ich es an.

Man hat Zeit freigeschaufelt, den Kopf sortiert, vielleicht sogar den Schreibtisch ein wenig aufgeräumt. Der Kaffee steht griffbereit, das Telefon liegt außer Reichweite. Heute soll es erledigt werden. Ein sauberer Schnitt. Ein formaler Abschluss. Ein Vorgang weniger im Kopf.

Das Digitale Rathaus verspricht genau das: Ordnung ohne Umwege, Verwaltung ohne Reibung, Fortschritt ohne Schweiß.

Man loggt sich ein.

Die Vorbereitung #

Zunächst läuft alles so, wie es laufen soll. Maske für Maske, Feld für Feld. Name. Adresse. Steuernummer. Datum.

Man klickt, tippt, bestätigt. Eine halbe Stunde vergeht, ohne dass sie sich bemerkbar macht. Der Mensch ist im Modus der Pflichterfüllung – ruhig, konzentriert, beinahe zufrieden.

Dann, plötzlich, ein roter Hinweis.

Ein Feld ist falsch.

Kein Drama. Noch nicht. Man scrollt zurück, sucht die Stelle, prüft die Eingabe. Alles korrekt. Also weiter suchen.

Und dann findet man es.

Ein Pflichtfeld. Ja oder Nein.

Man hält inne. Man liest noch einmal. Man will nichts übersehen.

Doch dort, wo die Entscheidung getroffen werden soll, wo das System eine Antwort verlangt, ist nichts.

Kein Auswahlfeld, keine Option. Kein Ausweg.

Ist das zu viel verlangt an Digitalisierung? Ein ja/Nein ist doch digital genug, wie ich finde, und trotzdem irgenwie darstellbar! Naja, vielleicht bin ich einfach zu naiv für diese Welt. Das ist es wahrscheinlich. Die “Digitalisierung Deutschlands” rollt ja schließlich seit… ja, seit wann den eigentlich? 10 oder eher 20 Jahre? Naja, nach einer so langen Strecke kommt man schon mal ins Straucheln im “Neuland Internet”.

Die Verunsicherung #

Zuerst zweifelt man nicht am System, sondern an sich selbst. Das ist menschlich.

Vielleicht ein Browserproblem? Noch einmal neu laden. Vielleicht ein Cache? Ein anderer Browser. Vielleicht ein Mobilgerät? Nein.

Eine Viertelstunde vergeht, in der man versucht, logisch zu denken, wo es keine Logik gibt. Man liest Hilfetexte, klickt auf kleine Fragezeichen, die nichts erklären. Man probiert Kombinationen, Wege, Umwege.

Und langsam, fast unmerklich, kippt etwas.

Die anfängliche Entschlossenheit weicht Irritation. Die Irritation weicht Müdigkeit. Die Müdigkeit weicht dieser ganz eigenen, leisen Resignation, die nur Verwaltung erzeugen kann.

Man gibt auf.

Der Anruf #

Der Griff zum Telefon ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Erfahrung.

Man ruft an. Man erklärt freundlich, beinahe entschuldigend, dass man vermutlich selbst etwas übersehen habe. Man lobt sogar. Das Digitale Rathaus. Den Fortschritt. Den Mut zur Moderne.

Am anderen Ende eine Stimme. Routiniert. Gelassen.

…jaja, geht aber nicht alles.

Der Satz fällt nicht hart. Er fällt müde. Der Ansprechpartner? Im Meeting.

Wartemusik…

Aha, da hat aber der Tester richtig toll getestet! Klapp mit der Made-in-Germany-Qualität!

denke ich mir.

Wahrscheinlich wahr wieder mal das Budget und die Deadline mächtiger, als jede Sorgfalt und jeder Qualitätsanspruch. Kennt man ja. “Nein! Bitte nichts anfassen…!” kommt mir in den Sinn. Optisch perfekt, aber bloß nicht benutzen, sonst geht noch was kaputt! Ich denke an meinen alten schmierigen Schiffsdiesel, der sogar einst mit einem detonierten Zylinder mich noch sicher, wenn auch qualmend, in den sicheren Hafen geschoben hat. Die alte Dame ist nun wieder repariert. Sie hat mich nie im Stich gelassen…

Der Rückzug #

Man legt auf.

Und dann geschieht etwas Merkwürdiges: Man steht auf.

Man zieht den Mantel an. Nicht hastig, sondern mit der Ruhe eines Menschen, der weiß, dass sich hier nichts mehr beschleunigen lässt.

Man öffnet den Safe.

Darin liegt er: Der Backup-Leitz-Ordner.

Sorgfältig geführt, fein säuberlich abgeheftet, nur für den Fall, dass einmal etwas Unvorhergesehenes geschieht. Ein Brand. Ein Totalausfall. Oder eben ein Pflichtfeld ohne Werte.

Man nimmt ihn heraus, schließt den Safe, verlässt die Wohnung.

Der Gang zum Amt #

Der Weg ist bekannt. Fast tröstlich.

Man zieht eine Wartemarke. Setzt sich. Wartet.

Eine halbe Stunde Zwang zur Ruhe. Niemand verlangt Entscheidungen. Und ich muss ja warten! Niemand erwartet Klicks. Man sitzt einfach da. Wie viele Arbeitnehmer in den endlosen und oft sinnlosen Sessions von betreutem Lesen, modern auch Meetings genannt.

Und in dieser Wartezeit geschieht etwas, das im Digitalen keinen Platz mehr hat: Entschleunigung… Der Geist schweift, die Ruhe kommt. Relaxions-Theraphie auf staatliche Anordnung, so kommt es mir vor.

Dann wird man aufgerufen.

Fünf Minuten später ist alles erledigt. Ok. Fünf Minuten? Dafür haue ich gefühlt den halben Tag in den Sack und schaffe ggf. noch eine weitere Existenzberechtigung für den örtlichen Kardiologen?

Egal. Ein Häkchen. Und zwar ein analoges Häkchen! Eine Unterschrift. Ein Nicken.

Fertig. Aber sowas von! Und ganz ohne Maushand - zumindest auf meiner Seite des vergilbten Schreibtisches.

Epilog #

Das Online-Rathaus ist ein Versprechen. Das Agile-Rathaus ist eine Phase.

Der Aktenschrank ist kein Fortschritt. Aber er ist verlässlich.

Und solange Pflichtfelder Fragen stellen, die sie selbst nicht beantworten können, solange Meetings Zuständigkeiten ersetzen, solange Wartemusik die letzte Instanz bleibt,

wird der Mensch weiterhin seinen Mantel anziehen, den Leitz-Ordner aus dem Safe holen und zum Amt gehen.

Nicht aus Nostalgie. Sondern aus Erfahrung.

Fortsetzung folgt.