Mein einsames und kaltes Leben ohne Freunde und so...
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Mein einsames und kaltes Leben ohne Freunde und so… (Director’s Cut) #
Es gibt Momente im Leben, in denen man radikale Entscheidungen trifft.
Manche Menschen hören mit dem Rauchen auf. Andere verlassen toxische Beziehungen.
Und ich?
Ich habe WhatsApp gelöscht.
Nicht deaktiviert.
Nicht die Benachrichtigungen ausgeschaltet.
Nicht „mal testweise“.
Nein. Gelöscht.
Brücken verbrannt, Schiffe versenkt — ich bin raus.
Der Exodus aus dem Datenreich #
Als ich aus dem Hause Meta auszog, stand ich anfangs auf einer digitalen Lichtung und fragte mich:
„Werden meine Freunde mir folgen?“
Kurze Antwort: Nein.
Lange Antwort: Neeeiiiiiin.
Manche schrien gar auf, als hätte ich ihnen das Ladekabel entrissen, während ihre Batterie bei 1 % stand.
Episode 1: Der Mann, der fast frei war #
Ein Freund — nennen wir ihn „Benni“, weil er nicht so heißt — wollte es mir gleichtun.
Er schrieb euphorisch:
Alter, ich probier das jetzt auch. Ich schmeiß WhatsApp runter!
Zwei Minuten später:
Äh… ich hab jetzt die Bestätigungsmail… soll ich wirklich OK drücken?
Drei Minuten später:
Hilfe. Jetzt ist alles weg. Ich fühl mich komisch.
Fünf Minuten später: leichte Atemnot
Ich bin jetzt mal kurz offline, ich melde mich wieder.
Zehn Minuten später: die Stimme eines Mannes, der den Tod im Nacken spürt
Bruder… ich hab… ich hab Telegram installiert. Alles so bunt.
So fremd.
So… russisch?
Ich beruhigte ihn:
Es ist nur Software. Atme.
Doch die Panik setzte ein, als seine Mutter ihm nicht mehr schreiben konnte.
OMG! SIE SIEHT MICH NICHT ONLINE!
Dort endete seine Reise.
Man hätte ihn sehen sollen:
Der digitale Schiffbrüchige, halb im Ozean der Unabhängigkeit, halb auf dem Deck der Datenknechtschaft.
Frostige Gischt im Gesicht, die eisige Angst: „Wer bin ich ohne meinen blauen Online-Punkt?“
Er kämpfte sich zurück in die App-Store-Bucht, klickte mit zitternden Fingern auf Installieren, schnappte nach Luft, als das kleine grüne Icon erschien — und wurde wieder an Bord gezogen.
Meta hatte ihn wieder.
Der Ozean der Freiheit war nichts für ihn.
Zu kalt, zu groß, zu „Mutter kann mich nicht sehen“.
Episode 2: Die WhatsApp-Hardliner*In #
Eine Bekannte (oder heißt es “Bekennende”?) schrieb mir irgendwann:
Wie meintest du das? Ich hab dir auf WhatsApp geschrieben.
Ich antwortete:
Ich hab kein WhatsApp.
Sie:
WIE BITTE?!
Ich:
Ich nutze Threema.
Sie:
DAS NUTZT DOCH NIEMAND!
Ich:
Ich.
Sie:
Dann bist du niemand!
Und dann folgte ein dreiminütiges WhatsApp-Sprachmemo.
Das ich — ironischerweise — nie hören konnte.
Episode 3: Der Telegram-Panik-Affe #
Ein anderer Freund:
Was?! Du bist bei Telegram? Das ist doch rechtsextrem!!
Ich:
Ach? Und WhatsApp?
Er:
Das ist… äh… Standard.
Ja.
So wie Einwegplastik.
Und Rückenschmerzen mit 35.
Hat ja irgendwie auch jeder…
Episode 4: Die SMS-Revolution #
Viele Menschen akzeptieren mein neues Zeitalter erstaunlich gelassen.
Sie fangen an… SMS zu schreiben.
Eine echte SMS!
Mein Handy pipst wie 2003.
Ich bekomme kurz nostalgische Gefühle, als hätte mir jemand ein Fax geschickt oder eine Postkarte. Ich greife in die Jacke und suche meinen Pager - nichts!
Manche beginnen wieder anzurufen.
Es ist wild.
Fast wie früher — nur ohne polyphone Klingeltöne.
Und das Umfeld wendet sich ab, als ob man gerade vor ihren Augen Schnelltest-positiv wird.
Zwischen Paranoia und Klarheit #
Natürlich kommt irgendwann der Klassiker:
Du bist aber paranoid.
Und ich denke:
„Mag sein. Aber wenigstens liest keiner mit, ob ich gerade Pizza esse.“
Vielleicht checke ich Metadaten wie andere Leute Kalorienangaben.
Vielleicht weiß ich mehr über End-to-End-Verschlüsselung als über die Geburtstage meiner Verwandten.
Aber zumindest gehören meine Daten jetzt wieder mir.
Und meine Ruhe auch.
Die Erkenntnis: Ich bin nicht einsam – nur sortiert #
Die Menschen, die wichtig sind, melden sich weiterhin.
Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann.
Und während ich wieder auf der Brücke meines eigenen Datenschiffs stehe und in die Freiheit segle, merke ich:
Es ist gar nicht kalt hier draußen.
Es ist einfach… ruhig.
Frei.
Ungestört.
Und wenn jemand mich wirklich erreichen will —
dann schafft er das auch ohne Meta.